Richelsdorf

Ortsteil der Gemeinde Wildeck

Geschichtliches

Inhalt

700 Jahre Richelsdorf - 1277 bis 1977 -

Aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit

Es ist gewiß ein glücklicher Zufall, daß die Fuldaer Stiftsurkunde von 1277 erhalten geblieben ist, in der Richelsdorf urkundlich zum ersten Male erwähnt wurde. Seine Gründung ist sicher viel früher erfolgt. Doch läßt sich der Zeitpunkt dokumentarisch nicht belegen. Man kann aber annehmen, daß es in der Frankenzeit zwischen 500 - 800 geschah, in der in unserer hessischen Heimat zahlreiche Dörfer (Siedlungen) mit den Endungen -au -bach, -hausen, -feld, -heim und -dorf entstanden.

Die Gründung von Richelsdorf erfolgte wahrscheinlich vom Werratal aus, wo sich auf den fruchtbaren Löß- und Lehmböden bereits in der älteren und jüngeren Steinzeit (5000-2000 v.Chr.) Menschen angesiedelt haben und durch immer neue Siedlungsgruppen aus den alten Siedlungsräumen Innerthüringens und des Rhein-Main-Gebietes ergänzt wurden. Denn das Obersuhler-Gerstunger Werrabecken bildete durch seine Verkehrslage ein wichtiges Durchzugsgebiet vorgeschichtlicher Völker. So kamen die Bandkeramiker aus dem Süden, die Michelsberger aus dem Westen, die Schnurtöpfer aus dem Osten durch den Werra-Gerstengau und hinterließen an zahlreichen Stellen ihre Spuren. Steinzeitliche Steinbeile, durchbohrte Steinhämmer und Steinäxte, die an verschiedenen Orten im Werratal ausgegraben wurden, beweisen die jahrtausendalte Siedlungskonstanz des Obersuhler Beckens. Auch bei Richelsdorf wurde eine 7,5 cm lange und 4,5 cm breite steinzeitliche Lanzenspitze aus hellem Feuerstein gefunden, die wahrscheinlich auf der Jagd verlorenging.Besonders zahlreich sind die Funde aus der Bronzezeit (2000-800 v. Chr.). Damals zogen die Glockenbecher- und Urnenfelderleute von Spanien und Frankreich kommend durch das Werratal in Richtung Thüringen. Sie brachten die Kenntnis eines neuen Werkstoffes mit, des Kupfers, aus dem nun Waffen, Geräte und Schmuck hergestellt wurden. Das Kupfererz im Richelsdorfer Gebirge verlockte viele, sich in der waldoffenen Zechsteinlandschaft anzusiedeln. Die Hügelgräber bei Süß, Iba und Ronshausen und der Urnenfeldfriedhof bei Bosserode erinnern an diese Bronzezeitmenschen. Besonders wertvoll sind die zwei großen prachtvoll gearbeiteten Bronzespiralarmbänder, die ,Auf dem Lindig" oberhalb von Richelsdorf gefunden wurden.Während der Eisenzeit (ab 800 v. Chr.) und in der Völkerwanderung waren es die germanischen Stämme der Sueben, Burgunder und Hermunduren, die auf der Suche nach einem neuen Lebensraum auch das Werratal und das Richelsdorfer Gebirge berührten. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche eisenzeitliche Funde, darunter die Richelsdorfer Armbrustfibeln aus dem 4. Jahrhundert nach Christi.

Gründung in der Frankenzeit

Nach der Völkerwanderung besetzten die Franken Hessen und Thüringen, gliederten die beiden Länder in den fränkischen Staatenbund ein und teilten sie in Gaue ein. Die Grenze zwischen Hessen und Thüringen verlief auf der Fulda-Werra-Wasserscheide und wurde im Verlauf der jahrhundertelangen territorialen Auseinandersetzung zwischen Hessen und Thüringen Schritt für Schritt zur Werra hinge-drängt, wo sie im 18. Jahrhundert zur heutigen Zickzack-Grenze erstarrte. Das Werratal und das Richelsdorfer Gebirge, die teils zum Hessengau, teils zum thüringischen Ringgau gehörten, waren damit Grenzland geworden und blieben es bis zur Gegenwart. Sein politisches Schicksal wurde durch die wechselvollen hess.thür. Grenzkämpfe bestimmt.

Mit der Eingliederung Hessens ins Frankenreich begann eine neue starke Siedlungsperiode. Im Rahmen dieser planmäßigen Innenkolonisation errichteten die Franken zahkeiche Ansiedlungen, die zu Keimzellen für viele heutige Dörfer und Städte wurden, auch im Richelsdorfer Gebirge. Damals kam es zwischen 500-800 n.chr. wohl auch zur Gründung von Richelsdorf. Es entstand an der alten Nürnberger Straße, wo diese aus dem Werratal kommend steil zum ,,Kores" (~Klein-Amenka~) hinaufführt und die Wagenzüge bis zur Blankenbacher Höhe Vorspann brauchten. Der Ursprung unseres Ortsnamens ist nicht erwiesen. Nach der Überlieferung und der Schreibweise in alten Urkunden gibt es drei Möglichkeiten.

1. Durch die vorhandenen Bodenschätze, die in der Talaue fruchtbaren Böden und das gleichbleibend reichlich vorhandene Wasser der Weihe und der Weißbergquelle wurden die ersten Siedler, gemessen an der Umgebung, reich (rich). Der Name Richelsdorf findet sich in alten Urkunden und ist in umliegenden Ort-schäften, meist als Spottname heute noch gebräuchlich.
" Die fürnehmen Richelsdorfer ".

2. Der Mann, der einst den Auftrag bekam, die strategisch wichtige Enge des Richelsdorfer Tales zu besiedeln, hieß Richard, von dessen Namen sich Richelsdorf ableitet. So entstanden z. B. die Orte Philippsthal, Wichmannshausen u.a.

3. Das Richelsdorfer Tal bildet geografisch eine Enge, die man früher mit Fahrzeugen nicht umgehen konnte. Durch die Besiedelung wurde ein Riegel geschaffen zwischen dem Werratal einerseits und dem Richelsdorfer Gebirge und der späteren Nürnberger Handelssträße andererseits. Aus dem Riegel bildete sich " Riegelsdorf ".

So entstanden wohl am quellenreichen Schenkrain und Wagnersberg die ersten Häuser. Holz war genug da. Der Wald wurde schrittweise gerodet und in Ackerland umgewandelt. Das war eine mühselige Arbeit und es dauerte viele Jahrzehnte, bis der Wald bis zum "Lindig" gerodet war. Noch heute stehen hier und da an unwirtschaltlichen Stellen letzte Reste des ehemaligen Waldes.

Belehnung der von Colmatsch mit Richelsdorf

Zur Verwaltung ihrer weit verstreuten Besitzungen und Belehnungen setzten die Klöster Vögte ein, meist Dienstleute aus dem Gefolge der Äbte, die sich nach ihren Herkunftsorten von Baumbach, von Netra, von Boyneburg, von Buttlar usw. nannten. Aus diesen geistlichen und weltlichen Dienstleuten entwickelte sich der adlige Ritterstand, die späteren Adelsgeschlechter. In Richelsdorf wurde die aus Thüringen stammende Familie von Colmatsch als Vögte eingesetzt und 1278 mit einem Teil und 1431 mit dem ganzen Dorf belehnt.

"Anno 1431 am Dienstag nach Kilian (10. Juli ) hat", wie es in dem Lehnsbrief heißt, "Johann Abt zu Fulda, Burghart von Kolmatsch und Corden seinen Bruder mit dem Dorfe Richelsdorf mit seinen Zugehörungen Holtz, Feld, Wießen, Weyde, Gebott, Verbott, Hoch und Niedere (Gerichtsbarkeit)... belehnt."
Die Herren von Colmatsch blieben bis zu ihrem Aussterben im Jahre 1563 Grund-, Gerichts- und Kirchenherren von Richelsdorf, zuletzt als Lehnsleute der Hessischen Landgrafen, denen 1539 die Lehnsherrschaft über Richelsdorf von Fulda übertragen wurde.

Die Abteil Fulda erwirbt Richelsdorf

Die Franken hatten weite Teile der eroberten Gebiete zu Reichs- und Königsgut erklärt und als Reichslehen an fränkische Adlige und an die in dieser Zeit entstandenen Klöster zur Verwaltung und Bewirtschaftung übergeben. Im hessisch-thüringischen Grenzraum waren es besonders die beiden großen Abteien Hersfeld (Gründung 736) und Fulda (Gründung 744), denen umfangreiche Gebiete übertragen wurden und die miteinander rivalisierend bestrebt waren, möglichst viele wichtige Flußübergänge und Straßenpositionen in Besitz zu bekommen. Während sich Hersfeld an der ,,Nürnberger Straße" im Ulfegrund und am Werraübergang bei Vacha festsetzte, sicherte sich Fulda mit dem Erwerb bzw. der Übertragung der beiden Ämter Gerstungen und Wildeck die wichtige Werrafurt bei Berka, wo sich die ,,Nürnberger Straße" und die ,,Straße durch die kurzen Hessen" kreuzten. Zum Schutze seiner dortigen Besitzungen erbaute Fulda die Burg Wildeck, die nach wechselvoller Geschichte 1406 hessisch wurde
(mit dem Amt Wildeck).
Die Klöster Fulda und Hersfeld waren Ausgangspunkte und Träger der Christianisierung Hessens und Thüringens. Hersfelder und Fuldaer Mönche verbreiteten den christlichen Glauben in weiten Teilen Mitteldeutschlands, wo heute noch an vielen Orten das Hersfelder Doppelkreuz und das Fuldaer Abtswappen an die früh-und hochmittelalterlichen Beziehungen und Zugehörigkeiten zu den beiden hessischen Abteien erinnert. Durch Gründung von abhängigen Filialklöstern erweiterten die Mutterklöster das Netz der Missionsstützpunkte. So ging von Hersfeld die Gründung der Klöster Kreuzberg-Philippsthal, Cornberg, Aua-Blankenheim u. a. aus, während Fulda in Hünfeld, Vacha, Blankenau, Rasdorf, Petersberg u. a.
Klöster errichtete und auch in Richelsdorf ein solches zu errichten versuchte. Zu diesem Zwecke übertrug Fulda 1277 das Dorf Richelsdorf, das damit urkundlich erstmals Erwähnung fand, dem Kloster St. Niklas in Eisenach mit dem Auftrag, innerhalb von 12 Jahren in Richelsdorf ein Kloster zu gründen. Da dies nicht geschah, zog Fulda die Belehnung wieder zurück.

Richelsdorf wird hessisch

Im Jahre 1247 hatten sich Hessen und Thüringen, die 125 Jahre in Personalunion verbunden und von der Wartburg und der Marburg aus verwaltet wurden, getrennt. Es folgten jahrhundertelange Erbstreitigkeiten, die sich besonders im hessisch-thüringischen Raum auswirkten. Im Bestreben, sich gegenüber Thüringen wichtige Positionen zu sichern, weiteten die Landgrafen von Hessen ihr Gebiet nach Osten zur Werra hin aus, brachten Stück für Stück Fuldaer und Hersfelder Klosterbesitz an sich, die Burgen Tannenberg, Brandenfels und Friedewald und 1406 die Burg Wildeck mit dem Amt Wildeck. Sie griffen sogar über die Werra nach Thüringen aus, wo vom 14.- 17. Jahrhundert verschiedene Territorien (Schmalkalden u.a.) hessisch wurden. Die Grenzstreitigkeiten wurden erst im 18. Jahrhundert durch das Grenzabkommen von 1733 beendet, durch das die hessisch-thüringische Grenze endgültig festgelegt und abgesteint wurde. Damals kamen Bosserode, Süß, Raßdorf und Kleinensee zu Hessen. An dem Grenzverlauf hat sich seit damals, abgesehen von der Abtretung Berkas und Vachas auf dem Wiener Kongreß 1815, nichts geändert. Thüringen gewann das Amt Gerstungen für sich, das ihm 1445 von Fulda verpfändet wurde.

Im Verlaufe der Grenzauseinandersetzungen erwarb Hessen 1539 die Lehnsherrschaft über Richelsdorf, die ihm vom Abt von Fulda mit allen grundherrlichen Rechten übertragen wurde. ,,Anno 1539...hat Abt Johann zu fulda mit Landgraf Philippo zu Hessen dergestalt vertragen, daß er ihm das Eigentum des Dorfes Richelsdorf gegen andere Güter überlassen und zugesteht, und zu dem den George von Colmatsch angewiesen, besagtes Dorf hin künftig vom H. Landgrafen zu rechtem fuldischen Lehen zu empfangen." Da es in alter Zeit zwischen den beiden fuldischen Ämtern Gerstungen und Wildeck, die nunmehr thüringisch bzw. hessisch geworden waren, keine scharfe Grenze gab, ließ Landgraf Philipp den Richelsdorfer Grenzverlauf absteinen. Zahlreiche Grenzsteine, besonders oberhalb von Libenz und ,,Am Lindig" an der Grenze zum Trottenwald, der 1413 den Trotten als ehemalige fuldischen Burgmannen von Wildeck übereignet worden waren, erinnern daran. Sie tragen das hessische Löwenwappen mit der Jahreszahl 1543 und den Buchstaben PL. = Philipp Landgraf.

1598 überträgt Landgraf Moritz das Dorf Richelsdorf dem Philipp Wilhelm von Cornberg. Er ist der Gründer der Adelsfamilie von Cornberg, der das Dorf Richelsdorf bis 1854 zins-, dienst- und lehnspflichtig war, und die 1935 ausstarb.

Die Cornberger

Philipp Wilhelm von Cornberg war der "natürliche", d. h. uneheliche Sohn des Landgrafen Wilhelm IV (1532-1592). Um ihn mit ,,möglichst geringer Belastung des eigenen Geldbeutels" zu versorgen, ließ er ihn, obwohl evangelisch, 1572 in das Stift der Abtei Hersfeld aufnehmen. Als Pfründe erhielt er die Einkünfte der hersfeldischen Hälfte vom Kloster Cornberg, nach dem ihn sein Vater von da ab ,,von Cornberg" nannte. 1580 bekam er die hessische Hälfte von Cornberg, die Landgraf Philipp 1525 für seine Unterstützung während des Bauernkrieges erhalten hatte, als Pacht hinzu und wurde vom Abt Ludwig feierlich als Probst eingesetzt. Aber kurz darauf fühlte der neue Probst das Bedürfnis, zu heiraten. Abt Ludwig konnte sich bei aller Toleranz nicht damit einverstanden erklären, eine Frau Probstin ins Hersfelder Kloster zu bekommen. Philipp Wilhelm trat deshalb 1582 wieder aus dem Stift Hersfeld aus und ging ganz nach Cornberg, das ihm voll als Mannlehen gegen Zahlung von 2500 Gulden an den Hersfelder Abt übertragen wurde. Dazu überließ ihm sein Vater Landgraf Wilhelm bei seiner Heirat mit Christine von Falcken, die im alten Probsteigebäude von Cornberg stattfand, 1592 als weiteres Mannlehen mit allen Zubehörungen das Amt Auburg mit dem Dorf Wagenfeld in der Grafschaft Diepholz, das 1585 nach dem Aussterben der Grafen von Diepholz an Hessen gefallen war. Mit diesem Besitz war das wichtige Amt des Erbdrosten verbunden, das Philipp Wilhelm eine fast landesherrliche Stellung verlieh.

Schon 1598 gab Philipp Wilhelm von Cornberg seinen Cornberger Besitz für 10.000 Reichsthaler an den Landgrafen Moritz zurück, der ihn dazu noch mit dem Dorf Richelsdorf einschließlich aller Gerechtsame belehnte. Außerdem erhielt bzw. erwarb Philipp Wilhelm noch in 26 anderen Orten des Rotenburger Landes sowie in Kettenbach, Mönchehof und Nassenerfurth in Hessen, Lübbecke und Hüfte in Westfalen Zinsgefälle und Güter. Zur Verwaltung seiner weit verstreuten Besitzungen hielt sich Philipp Wilhelm abwechselnd auf Burg Auburg in Norddeutschland und in Richelsdorf in Hessen auf, wo er von 1600 - 1605 hess.-landgräflicher Kammerherr und Finanzminister war. Philipp Wilhelm von Cornberg war sehr darauf bedacht, seine Rechte gegenüber dem Landgrafen und seinen Untertanen zu wahren und führte sowohl mit seinem Landesherrn wie auch mit seinen Auburger und Richelsdorfer ,,Hintersassen" viele Prozesse, wie aus den Akten im Staatsarchiv Marburg hervorgeht. Auch seine Nachfolger lagen mit der Gemeinde Richelsdorf und ihren Einwohnern oft im Streit und die ,,Gravamina", die Beschwerden wegen und gegen Zins-, Dienst- und Lehnleistungen, wegen Gerechtsamen in Wald, Feld und Gewässern, wegen Gerichts- und Kirchenkompetenzen reißen nicht ab und füllen ganze Aktenpakete. Aus ihnen geht hervor, daß sich die Richelsdorfer ihrer Haut gewehrt haben und durchaus keine devoten, dienerischen Untertanen waren. Andererseits waren auch die von Cornberg ggf. einsichtig und zum Nachgeben und Vergleich bereit, wie zahlreiche Reverse beweisen.

Als Philipp Wilhelm von Cornberg 1616 auf seinem Rittergut Richelsdorf starb, wurde er in der Richelsdorfer Kirche beigesetzt. In Anerkennung seiner Verdienste ließ ihn Landgraf Moritz ein prächtiges Grabdenkmal (ein Epitaph) hinter dem Grabgewölbe im Chorraum der Kirche errichten, das jeden Besucher beeindruckt.

Die lateinische Inschrift lautet:   Übersetzt:
Nobilitate, Pietate, ERUDITIONE' OMNI VIRTUTUM
GENRE CLARISSIMO VIRO PHILIPPO WILHELMO
Dem durch Vornehmheit, Frömmigkeit, Wohlerzogenheit und jeglicher Art von Tugend sehr berühmten Philipp Wilhelm von Cornberg aus dem Geschlecht des erlauchten Fürsten Hessens Wilhelm und Moritz, nach des Vaters und Sohnes gemeinsamen Beschluß zuerst Rat, dann treu ergebener Schatzmeister mit 10 Kindern aus erster und ebenso viele aus zweiter Ehe, geboren von Müttern aus den edlen Familien Falcken und Boyneburg haben die Lebenden aus ergebener Liebe zu ihrem Vater und zum Beweis ihrer Trauer (dies Denkmal) gesetzt. Er lebte 63 Jahre und starb am 30. August im Jahre des Heils 1616.
A CORENBERG ILLUSTRISSIMORUM HASSIAE
PRINCIPUM GUILLELMI ET MAURITII PARIS
ET FILLI PRIMUM CONVILLI POST THESAURARIO
FIEDELISSIMO DECEM EX PRIMO' ET TOTIDEM EX
SECUNDO MATRIMONIO LIBERORUM PATRI FILLI
AD HUC SUPERSTITIS' MATRIBUS EX FALCKENSIS
ET BOYNEBERGICA FAMILIA NOBILIBUS NATI
AD TESTANDAM SUAM IN PATREM PIETATEM
MODESTISSIMI POSUERE VIXIT ANNO 63
DECESSIT 30 AUGUST A o SALUT 1616

Philipp Wilhelm von Cornberg war ein lebensfroher Renaissance-Mensch. Aus zwei Ehen wurden ihm 20 Kinder geboren, von denen 7 im Kindesalter starben. Nach seinem Tode wurden seine Besitzungen unter seine zahlreichen Nachkommen aufgeteilt und es bildeten sich außer der Richelsdorfer Linie noch eine Kettenbacher , eine Hüffer, eine Lübbecker und eine Auburger Linie derer von Cornberg.

Sein ältester Sohn Bernd Philip stiftete die Auburger Linie und wurde nach seinem Tode 1630 als erstes Oberhaupt der Auburger Linie in der Kirche von Wagenfeld beigesetzt. Als 1739 die Richelsdorfer Linie der Cornberger in der 4. Generation ausstarb, fiel Richelsdorf an die Auberger Linie, die 1762 nach Richelsdorf übersiedelte. Bis zur Abtretung des Amtes Auburg an Hannover im Jahre 1815 wurden die Auburger Cornberger von Hessen belehnt. 1884 wurde dem königlich hannoverschen Kammerrat Karl Ludwig Viktor von Cornberg zu Auburg der Titel Freiherr genehmigt und ein Jahr später durch den König von Preußen zum letzten Mal mit der Auburg belehnt. Als er 1891 kinderlos starb, erbte sein entfernter Verwandter Theodor von Cornberg die Auburg. Bereits 1904 verkaufte er den ausgedehnten Grundbesitz zu Auburg und Wagenfeld und starb als letzter Auburger von Cornberg nervenkrank in dem badischen Städtchen Neckarelz.

Wenige Jahre später erlosch auch die von Cornberger Linie in Richelsdorf. Viele Mitglieder dieser Familie waren im Laufe der Jahrhunderte als Offiziere und Hofbeamte im hessischen und sächsichen Diensten tätig gewesen und erst im Alter auf ihren Stammsitz in Richelsdorf zurückgekehrt, dessen Rittergut von 1800 Morgen (448 ha) zumeist von Pächtern bewirtschaftet wurde. Von den ehemals zahlreichen grundherrlichen Rechten war den Cornbergern nur das Kirchenpatronat geblieben. 1806 bzw. 1821 hatten sie die Gerichtsbarkeit verloren und durch das hessische Ablösungsgesetz von 1854 auch ihre Stellung als Grundherren mit den damit verbundenen Rechten und Ansprüchen auf Real- und Personalleistungen der Richelsdorfer. Mit dem in Geld umgerechneten 25fachen Betrag aller Zins-, Sach- und Dienstverpflichtungen lösten die Richelsdorfer die feudalen mittelalterlichen Lasten ab. Allerdings mußten sie bis zum lnflationsjahr 1923 die von der Landeskreditkasse aufgenommenen Darlehen abtragen. Die Cornberger bauten sich für die Ablösesumme am Dorfausgang nach Blankenbach 1898 eine standesgemäße ,,Villa", die sie aber später, 1902, zusammen mit dem gesamten Cornberger Waldbesitz (281 ha) an den Holzkaufmann Anton Küster in Gladbeck verkauften. Damit war der Anfang für den Cornbergschen Ausverkauf gemacht. Denn kurz vor dem 1. Weltkrieg wurde auch der landwirtschaftliche Grundbesitz über jüdische Mittelsmänner parzelliert und an die Richelsdorfer Bürger verkauft.

Schließlich verblieb von Cornberg nur noch das alte Schloß inmitten des Dorfes mit den Gutsgebäuden und den Park- und Gartenflächen. 1935 starb der letzte männliche Cornberger, der herzoglich-sächsisch-altenburgische Kammerherr und Major Carl Freiherr von Cornberg in Eisenach und wurde auf dem Friedhof in Richelsdorf beigesetzt. Inder Richelsdorfer Kirche erinnert noch eine Gedenktafel im Herrschaftsstand an den ,,Letzten Kirchenpatron seines Namens". Seine weiblichen Nachkommen verkauften 1943 den Restbesitz mit dem Schloß an die Familie Jens.

Während des Krieges und in den Nachkriegsjahren waren im Schloß Flüchtlingsfamilien untergebracht. 1949 erwarb der Kreis Rotenburg den Gebäude- und Parkkomplex und richtete darin nach baulichen Erweiterungen das Kreisaltersheim ein, das später nach Rotenburg/F. verlegt wurde. Das freigewordene Schloß kam in Privatbesitz und wurde zu einer Hotel-Gaststätte ausgebaut. Heute ist in dem Schloß eine Fachklinik untergebracht. In dem ehemaligen Rittersaal erinnert noch das Wappen der Familie von Cornberg mit dem Hessischen Löwen und dem Wappenspruch ,,In Treue vest" an die Cornberger, die über 300 Jahre in vielen Generationen hier gesessen haben.

Anmerkung:

Lange Zeit war die Bevölkerung der Annahme, daß mit dem Major Carl Freiherr von Cornberg der letzte männliche Nachkomme der von Cornberg gestorben war. (Carl Freiher von Cornberg verstarb 1935 in Eisenach und wurde auf dem Richelsdorfer Friedhof bestattet). Am 5. September 1986 erschien in den Hessischen Nachrichten ein Artikel, dem zu entnehmen war, daß es noch ein lebendes männliches Mitglied der von Cornberg gibt. Herr Jost-Christian Freiherr von Cornberg lebt in Baden-Baden. Er wurde vom Wildecker Geschichtsverein angeschrieben und um Darstellung der genealogischen Zusammenhänge gebeten.

Richelsdorf im 30jährigen Krieg

Am Ende des Mittelalters zählte Richekdorf 35 Familien, die im Sontraer Erbregister aufgeführt sind. Dann kam der 30jährige Krieg. Durch seine Lage an der ,,Alten Nürnberger Handelsstraße" und unweit der Heerstraße nach Thüringen wurde Richelsdorf besonders hart von dem Kriegsgeschehen betroffen. Tillys Einquartierungen, Plünderungen und Gewaltätigkeiten der Soldateska und Seuchen wie Pest und Rote Ruhr bedrückten und verminderten die Bevölkerung. Als sich 1634 die Kroaten aus ihren Winterquartieren im Sontraer Raum zurückziehen mußten, verbrannten sie das gesamte Gebiet an der "Alten Nürnberger Straße" im Ulfetal und Ringgau. In der Christnacht 1635 ging auch Richelsdorf nach Plünderung in Flammen auf. Nur Mauerreste vor allem der alten Burg und des Kirchturms blieben stehen. Die Bewohner, besonders die Frauen und Kinder, flüchteten mit dem Rest an Vieh und Habseligkeiten in die Wälder, während die Männer ihr Dorf zu verteidigen suchten und dabei größtenteils umkamen. Bereits 1627 berichtete die Kirchenchronik, daß ,,Jonas Weber am 18. August von den Kayserlichen überfallen und erschossen worden ist." In einer Eintragung vom 23.Juli 1640 heißt es:
"Heinrich Spörer wegen Kälte und Hunger im Holtz gestorben, wegen Schwedischen und Kayserlichen Söldnern so täglich mit starken parteyen hin und hergezogen, und nach er biß auf den 25ten Juli Holtz gelegen und Nachbarn erst angesagt haben, ihn denselbigen wegen Unsicherheit und großen gestancks im Holtz zur Ruhe bestatte auf den 25ten Juli."

Wir erfahren auch aus dem Kirchenbuch, daß in einem Kriegsjahr 42 Einwohner an der Pest und an anderen Seuchen starben. So kommt es, daß von den im Sontraer Erbregister aufgeführten 35 Fanilien nur noch 3 Familiennamen in dem Salbuch von 1664 erwähnt werden und übrig geblieben sind. Mit erstaunlichem Lebenswulen wurde schon während des Krieges und verstärkt nach dem selbstmörderischem Kriege der Wiederaufbau des Dorfes und die Wiederbebauung der Fluren in Angriff genommen.

Bereits 1664 zählte das Dorf 29 Hofraiten mit 15 Bauern und 14 Handwerkern bzw. Tagelöhnern. Im Erbregister werden folgende Namen genannt:

( Quelle: Wildeck - Geschichte einer Gemeinde )

1. Bauern

2. Handwerker

Krack, Jakob, Schenkwirt
Völke, Hans, Ludwig
Schade, Hermann
Staufenberg, Hans
Creutzburg, Johannes
Rudolph, Hans, Obermuller
Kreutzberg, Heinrich, Niedermüller
Schäfer, Walter
Wittich, Hans
Damm, Michael
Stephan, Kaspar
Deiseroth, Heinrich
Etzeroth, Heinrich
Johannesgut
Pfaff, Konrad
Dunkel, Barthel
Käßmann, Andres
Schmidt, Hans, Zöllner
Schneider, Hans
Körner, Balzer
Baumbach, Hans
Tagelöhner
Gebhardt, Hermann
Bingemaim, Hans
Rauschenberg, Hermann
Gerlachin, Kunigunde
Berger, Stoffel
Dunkel, Nikel
Spörer, Hans (Schildhof)
Anna, Elisabetha

Es dauerte Jahrzehnte, bis die verarmte Bevölkerung von Richelsdorf sich von den Folgen des Krieges erholt hatte. Besonders mühevoll war es, durch harte Rodearbeit die verwilderten Äcker und Wiesen wieder ertragsfähig zu machen. 1664 besaßen die Bauern nur den dritten Teil der Ackerzahl von 1571 und 1534, so erfahren wir aus den Prozeßakten von Cornberg gegen die Gemeinde Richelsdorf, daß die Bauern beim Abholzen der Triescher noch die ehemaligen Ackerfurchen und Mittekaine erkennen konnten. In der Katastervorbeschreibung von 1734 wird berichtet, daß ,,In annis 1664 und 1684 noch überall viel wüst und triesch gelegen", ,,vordem die Güther mehrenteils wüst gelegen ... und sie nunmehr ausgerottet und völlig gestellt würden und fast alle Bauerngüther um 1/3 sich größer befanden als sie anno 1687 gemessen worde." Die Anstrengungen um die existenzielle Lebenssicherung nahm die Kräfte und Mittel der Richelsdorfer Bevölkerung total in Anspruch. Das erklärt auch, warum sie erst spät, um 1700 mit dem Auf- und Ausbau ihrer Kirche begannen.

Wüstungen um Richelsdorf

Wie Richelsdorf wurden auch alle anderen im 30jährigen Krieg zerstörten Dörfer wieder aufgebaut. Der überkommene Ortsbestand und der Umfang der Gemarkungen sowie das Verhältnis von Wald und Feld veränderten sich nicht. Trotzdem wird immer wieder von den im 30jährigen Krieg verschwundenen Dörfern geschrieben. So tief hat sich diese Schreckenszeit in das Volksbewußtsein eingegraben, daß man alles auf sie überträgt. Dabei sind diese sogenannten Wüstungen, von denen es allein im Richelsdorfer Gebirge 110 nachweislich gibt, bereits in früheren Jahrhunderten im Verlauf einer überregionalen Entsiedlungsperiode aus verschiedenen Ursachen - schlechte Böden, Klimaungunst, Kriegsnöte, Wildschaden, hohe Feudallasten u. a. m. - verlassen und aufgegeben worden oder zu Einzelhöfen eingeschrumpft. Vielfach blieben nur Kirchenruinen, Brunnen und Dorflinden erhalten. In der Umgebung von Richelsdorf liegen folgende wüsten Orte bzw.
Ortsstellen: Bernsdorf, Ulfterode, Ottenrode, Ellenrode, Hohensüß, Wintsdorf und Rödchen/Ziegelhof. Dazu kommen als Reste ehemaliger Dörfer: der Almushof, der Schildhof, Gut Bellers und die Roterainsmühle.

  • Bernsdorf war um 1600 noch ein Dorf mit einer hessischen Pulvermühle und einer trottischen Mühle, die noch vor 1723 landgräflich wurde. Denn schon 1700 wurde auf der Dorfstelle die ,,Bernsdorfer Hütte" später ,,Richelsdorfer Hütte'· genannt, errichtet. Der letzte Rest des Dorfes war die Diedingsmühle, oberhalb der Richelsdorfer Hütte, die 1880 abgerissen wurde.
  • Ulfterode lag oberhalb der Pochteiche, wo heute das von Trottsche Waldhaus steht. Das Dorf wurde schon um 1500 verlassen; bestehen blieb nur die Ulfteroder Schneidemühle, die auch erst um 1900 verschwand. Der letzte Pächter Schuchardt starb 1953 in Süß.
  • Ottenrode lag zwischen Süß und Richelsdorf und wurde 1225 in einer Urkunde des Klosters Hersfeld genannt. Zuletzt bestand noch eine Mühle gleichen Namens, die dann auch aufgegeben wurde.
  • Ellendorf oder Ellenrode wurde schon früh wüst. Es befand sich 300 m westlich der Stelle, wo sich die alte und die neue Straße nach Blankenbach wieder vereinigen und wurde durch Scherbenfunde und Häuserreste nachgewiesen.
  • Hohensüß oberhalb von Süß war ein baumbachsches Dorf, das später den Trotten gehörte. 1564 wird es als wüst bezeichnet. 1868 standen wieder oder noch vier Gehöfte am Waldrand. Heute ist nichts mehr zu sehen.
  • Wintsdorf wird 1592 letztmalig als Hof zwischen dem Schildhof und dem Almushof gelegen erwähnt.
  • Ziegelhof war der letzte Rest des Dörfchens Rödchen, das bei der Roterainsmühle stand. Es wurde 1533 erstmals erwähnt, verschwand dann bis auf einen Meyerhof, der 1616 von den von Cornberg gegen das Webersche Gut vertauscht wird und 1734 letztmalig Erwähnung findet.
  • Der Almushof wird 1364 in einer Fuldaer Urkunde als Dorf genannt. 1727 heißt es noch Almersdorf, 1778 Almushof. Die beiden Höfe waren früher trottisch, später landgräflich.
  • Der Schildhof war um 1364 ein fuldisches Dorf namens Schilpach, wurde an die Trotten vergeben und kam 1406 an den Landgrafen von Hessen. Im 15. Jahrhundert lag es lange Zeit wüst. 1538 wird wieder ein Hof erwähnt; heute sind es vier Höfe.
  • Bellers hieß früher Belderichs und war 1337 im Besitz der Trotten. Die Bewohner gaben das Dorf im 15. Jahrhundert auf. Erst 1747 wird wieder ein Hof Bellers erwähnt, der heute wieder einem Trotten gehört.

Richelsdorf im 18. Jahrhundert

Wie es in Richelsdorf vor 200 Jahren aussah, darüber gibt uns das

,,Lager-, Stück- und Steuerbuch der Dorfschaft
Richelsdorf, adelig vom Cornbergschen Gericht
Sontra, verfertigt Anno 1771"

Auskunft. Es besteht aus 7 dicken, schweinsledernen gebundenen Bänden und wurde bis zum Jahre 1864 als Grundbuch der Gemeinde Richelsdorf geführt. Es beginnt mit der sogenannten Vorbeschreibung, einer Darstellung der Verhältnisse in Richelsdorf um 1770.
Richelsdorf bestand damals aus 104 Häusern mit 499 Einwohnern. Es war Grenzort, umgeben von Trottischen, Baumbachschen, Cornbergschen, landgräflichen und sächsisch-weimarischen Waldungen. Sechs Brunnen versorgten das Dorf mit Wasser. Unter den 499 Einwohnern waren 4 Judenfamilien mit 18 Personen. 15 Knechte und 25 Mägde. Die Bevölkerungsstruktur war überwiegend bäuerlich-handwerklich. Es gab: 15 Bauern, 4 Tagelöhner, 11 Leineweber, sogleich Ackerleute oder Tagelöhner, 1 Bäcker, 1 Drechsler, 2 Metzger, 3 Müller, 3 Höcker-Krämer, 1 Wirt, 2 Näherinnen, 1 Schmied, 5 Schneider, 3 Schreiner, 1 Seifensieder, 3 Zimmerleute, 4 Handelsjuden, 1 Schulmeister dazu in landgräflichen Diensten 1 Steuereinnehmer (Acciser), 1 Zöllner, und 1 Contributionserheber, und in adligen Diensten 1 Pächter, 1 Förster, 1 Schultheis und 1 Gerichtsdiener. Die Leineweberei stand damals in voller Blüte. ,,Die beste Nahrung im Dorf ist Garn und Linnetuch", heißt es in der Beschreibung. Alles, was im Haushalt für Kleidung und Wäsche gebraucht wurde, wurde aus Garn und Linnen hergestellt.

Die Bauern waren nicht Eigentümer ihrer Ländereien, sondern hatten nur das Nutzungsrecht und mußten dafür an die von Cornberg zahlen, denen das Dorf zins-,dienst- und lehnspflichtig war. Die Cornbergs, die Kirchen- und Gerichtsprincipale waren und die hohe und niedrige Jagd ausübten, besaßen im Ort zwei Burgsitze mit 364 Acker Land und 1218 Acker Waldungen. Die Gesamtgemarkung betrug 3087 Acker und 6 Ruthen und war 1717 von dem Sontraer Landmesser Johann Henrich Laun ausgemessen, kartiert und abgesteint worden. Ein Acker Land kostete 15-20 Taler, ein Acker Wiese 20-30 Taler.
Auf einem Acker säte man 5 Metzen Korn fuldisches Maß (1 Metze = 18 Pfund) und erntete 2 Malter (1 Malter = 3 Zentner), auf geringen Böden nur 1 Malter und 6 Metzen (rd. 4 Ztr.).

Über die Viehhaltung wird berichtet: ,,Die Viehherden sind sehr stark." Es gab 36 Pferde, vor allem Vorspannpferde auf der Nürnberger Straße und für den Kupfererztransport zur Richelsdorfer Hütte, 24 Ochsen und 88 Kühe. Die Gemeinde durfte in der Feldmark und in den von Cornbergschen Waldungen ihr Vieh hüten und im Herbst vier Wochen die Schweine zur Eichelmast treiben. Die Hute- und Weidegerechtigkeit stand den von Cornberg zu, ebenso wie die Schäfergerechtigkeit. " Die Gemeinde ist mit keiner Schäferrey berechtigt, sondern es stehe selbige den Principalen von Cornberg bey das Rittrguth zu, und halten ordinaire (gewöhnlich) 400 Stück Schaafe."

Die herrschaftlich-adeligen Cornbergschen Freigüter hielten nur 6 Pferde und 6 Kühe, zu wenig, um die 364 Acker zu bewirtschaften. Das mußten die dienstpflichtigen Bauern und Hintersassen besorgen. Denn ,,Hiesige Gemeinde ist dem Gerichtsprinzipalen von Cornberg mit gemessenen Real- und Personaldiensten auf das hiesige Adelige freye Rittergut verpflichtet. Zwar ist niemand von hiesiger Einwohnerschaft einer Leibeigenschaft unterworfen und wird bei Abgehen des Familienvaters das Besthaupt nicht gelöst", aber dafür war jedes bäuerliche Hufen-und Hintergut ,,dienst-, zins- und lehnbar zu 5% beim Verkauf ".

Die 15 dienstbaren Besitzer von Bauernhöfen hatten auf den Rittergütern jeder folgenden Spanndienste zu leisten:

3 Acker Winterfrucht bestellen und einernten = 4Tage
3 Acker Sommerfrucht bestellen = 31/2Tage
Heu und Grummet einfahren = 11/2 Tage
Äcker und Wiesen düngen = 4Tage
3 Klafter Holz fahren = 3Tage
Baufuhren auf den Burgsitzen = 13 Tage
Reparaturführen = 2Tage

Das waren zusammen 31 Tage Frondienste für die Bauern.

Die kleinbäuerlichen Hausbesitzer und Hintersiedler mußten Handdienste in Feld, Wald, Wiese, Gutshof und bei Jagden verrichten. Sie mußten Wiesen und Gärten reinigen, Heu und Grummet mähen und trocknen, Mist streuen, Rüben jäten und aushacken, Flachs jäten, raufen und brechen, Schafställe misten, Holz fällen, Botengänge machen, Treiberdienste bei Jagden tun und 16 Tage auf den Guthöfen arbeiten und bei Reparaturen helfen. Dafür bekamen sie 3 Pfund Brot täglich. Wenn der Dienst im Herbst im Felde getan werden mußten, dann wurde ,,denen sämtlichen Fröhnern zwei Tage mit Fleisch, Brot, Gemüse und Bier eine Mahlzeit gegeben." Zinsen mußten an die Gerichtsprincipalen von Cornberg, an die Kirche, an den Pfarrer, an den Schulmeister und an die Gemeinde gezahlt werden. Sie beliefen sich im Jahr für das ganze Dorf auf:

23 Thaler, 1 Albus und 8 Heller
104 Rauchhühner, 24 Gänse, 83 Hähne, 3212 Eier
24 Malter 1/16 Metzen Korn (74 Zentner)
15 Malter 7/8 Metzen Hafer (46 Zentner)

Ein Bauernhof von 60 Morgen mußte abgeben:

An die von Cornberg:
1 Thaler, 1 Albus, 8 Heller
1 Malter 3 Metzen Korn (3 1/2 Ztr.)
1 Malter 2 Metzen Hafer
1 Gans, 1 Rauchhuhn, 2 Hähne, 45 Eier an den Pfarrer:
5 Metzen Korn fuldisch Maß an den Schulmeister:
1/2 Metzen Korn, 3/6 Metzen Hafer, 2 Laibe Brot

All diese Dienstbarkeiten an die von Cornberg sind auf Grund des Ablösungsvertrages vom 28. April 1851 am 1. Juli 1854 erloschen.

Mühlen gab es 6 in Richelsdorf: 3 Mahlmühlen 2 Ölmühlen und eine Schneidemühle. Es waren dies die Dorfmühle, die Johann Rudolph gehörte, mit einer Tagesleistung von 2 1/2 Malter ( 7 1/2 Ztr.), die Niedermühle des Adolf Wäsch mit 2 Malter täglicher Leistung und die Roterainsmühle im Besitz von Kaspar Taps Erben mit 4 Malter (12 Ztr.) Mahlleistung. Den Müllern stand jede 16. Metze als Mahllohn zu. Die Bergleute, die jede Woche 2 Metzen Korn aus dem herrschaftlichen Magazin auf der Rich. Hütte als Deputat erhielten, mußten in der Diedingsmühle bei dem Pochwerk mahlen lassen. Die Müller mußten an die von Cornberg jährlich 6 Thaler Wasserzins zahlen.

,,Die Gastwirtschaft betreibt Michael Christ mit Herbergerei, Hafer- und Heuverkauf, verzapfet auch Bier und Branntwein." Außer dem Wirt hatte die Gemeinde die Braugerechtigkeit. Sie betrieb ein Brauhaus, wo jährlich 16 Zober Bier gebraut wurde. Für jedes Gebrände bekam der Grundherr 8 Heller. Das Brauhaus wurde 1864 abgebrochen. Außerdem gab es noch drei Branntweinblasen im Ort, wo Schnaps gebrannt wurde.
Am Ortsausgang nach Untersuhl befand sich eine Zollstelle, die von einem landgräflich-herrschaftlichen Beamten besetzt war, der gleichzeitig als Steuerkontrolleur tätig war.

Die Häuser waren meist in Holzfachwerk gebaut und sehr klein. Die Baukosten beliefen sich auf 200-300 Thaler. Hausflur und Küche hatten einen einfachen Lehm-Estrich, später einen Sandsteinplattenboden. Die Wohnräume waren weiß getüncht und gedielt. Die Küche war klein und hatte meist nur ein kleines Schiebefenster. Unter dem mächtigen Rauchfang stand ein gemauerter offener Herd mit einer Sandsteinplatte belegt. Von der Decke hing an einer eisernen Kette der Kochtopf. Die anderen Töpfe wurden rings um das offene Feuer gestellt. Erst Ende des 18. Jahrhundert mauerte man geschlossene Herde mit einer eisernen Kochplatte und einem Feuerloch. In dem offenen Schornstein wurden die Wurst und Fleischwaren geräuchert.
Die Stockwerke waren sehr niedrig. Im Erdgeschoß lag der große Wohnraum mit dem großen Himmelbett, denn der Wohnraum diente auch als Schlafzimmer und gleichzeitig den Handwerkern als Werkstatt. Im Oberstock befanden sich 2-3 Stuben, wo die Kinder und Mägde schliefen und wo die Wäschetruhen standen. Die Knechte schliefen meist hinter einem Verschlag im Pferdestall. Die Wände der Wohnstube waren bis zur Fensterhöhe holzgetäfelt. Mitten drin stand der schwere Eichentisch mit weißgescheuerter Tischplatte. Dahinter zwei lange Bänke an den Wänden und einige handfeste Holzstühle. Die Wirtschaftsräume und Stallungen befanden sich mit der Wohnung meist unter einem Dach in diesen kleinbäuerlichen Einhäusern. Das Heu und Stroh wurde auf dem Hausboden untergebracht. Nur die größeren Höfe besaßen getrennte und gesonderte Stallgebäude und Scheunen. Erst als im 19. Jahrhundert die Ertrage stiegen, werden die Wohnungen und Wirtschaftsgebäude verbessert, vergrößert oder erneuert.

Franzosen in Richelsdorf

Das Jahr 1806 brachte eine völlige Änderung der bisherigen politischen Verhältnisse. Napoleon besetzte Deutschland, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation löste sich auf. Die Gedanken der französischen Revolution ,,Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" fanden auch in Deutschland viele Anhänger wie August von Trott zu Imshausen, der Präfekt des Werradepartements und Berater König Jeromes wurde. Die französische Besetzung dauerte von 1806 - 1813. Auch in Richelsdorf rückten die Franzosen ein. In der Kirchenchronik des nahen Solz berichtet Pfarrer Vilmar darüber: ,,Einige Tage vor dem 1. November 1806 sah ich das Mortiersche Corps vorüberziehen mit blinkenden Bajonetten, den weißen Federbüschen der Stabsoffiziere und den Schimmeln vor den Kanonen." Und an anderer Stelle erzählt die Chronik: ,,Nun wurde das Königreich Westfalen errichtet und alle mußten sich neigen und beugen und ... schweigen. Zudem fand sich eine Menge von Franzosenknechten." Weiter heißt es: ,,Die Gerichtsbarkeit des Grundherrn hörte auf und mit ihr die Gerichtstage und die gar nicht schlechte Ortspolizei gegen Bummler, Diebe und Gesindel." Dafür kamen die französischen Friedensrichter und dann die Mahl- und Schlachtsteuer und die vielen anderen Steuern, die den Widerstand gegen die französische Herrschaft wachhielten. Die Steuerbeamten, ,,Kötzengucker" genannt, waren am meisten verhaßt. Richelsdorf gehörte damals zum Kanton Nentershausen im Distrikt Eschwege im Königreich Westfalen. Der Bürgermeister in Richelsdorf hieß jetzt ,,Maire" und die Polizei ,,gens d'armes". Napoleon brauchte Geld und Soldaten. Beides holte er sich aus Deutschland, auch aus Richelsdorf. Die Menschen stöhnten unter der Steuerlast, und viele Richelsdorfer Männer verbargen sich in den Wäldern, um nicht Soldat zu werden. Trotzdem wurden viele eingezogen und kamen in den Napoleonischen Feldzügen, vor allem in Rußland, um. Als sich die Deutschen gegen Napoleon erhoben, beteiligten sich auch die Richelsdorfer an den Befreiungskriegen. Ihre Namen sind auf Ehrentafeln in der Kirche aufgezeichnet, wo es heißt: ,,Der tapfere Verteidiger des seligen Vaterlandes aus der Gemeinde Richelsdorf im heiligen Krieg gegen Frankreich 1814." Es folgen die Namen der 14 Freiwilligen....

Im Oktober 1814 zogen sich die französischen Heere zum Rhein zurück. Ihnen folgten die verbündeten Preußen, Österreicher und Russen. Die Befreier brachten neue Bedrückungen. Besonders die russischen Kosaken führten sich wie im Feindesland auf und quälten die Bevölkerung. Aus der Kirchenchronik erfahren wir, daß viele Richelsdorfer Einwohner vor den anrückenden Kosaken mit Kind und Kegel in die Wälder flüchteten wie zur Franzosenzeit. Die Müllersfrau aus der unteren Pochmühle wurde von den Kosaken die Treppe heruntergeworfen und starb, weil sie ihnen keinen Schnaps geben wollte oder konnte. Die Bevölkerung atmete auf, als die russischen Befreier wieder fort waren.

Richelsdorfer wandern aus

In Kassel rückte nun wieder der Kurfürst ein und in Richelsdorf wurden die von Cornberg wieder in ihre Grundherrenrechte eingesetzt. Vieles Gute wurde wieder abgeschafft. Nur die neuen Steuern blieben und lasteten schwer auf der verschuldeten armen Bevölkerung. Die Hoffnung auf einen Dank der Fürsten für die von der Bevölkerung in den Befreiungskriegen gebrachten Opfer erfüllten sich nicht. Die breite Masse des Volkes blieb weiterhin politisch rechtlos und wirtschaftlich abhängig. So kam es, daß viele Hessen die Heimat verließen und nach Amerika auswanderten, besonders als in den 40er Jahren des 19. Jahrhundert Mißernten zu Hungersnöten führten. Auch aus Richelsdorf zogen einige Familien über das Meer, gründeten in Amerika Farmen und kamen zu Wohlstand.

Es müssen also sehr viele Richelsdorfer in diesen Jahren die Heimat verlassen haben. Dadurch sank die Einwohnerzahl Richelsdorf von 905 im Jahre 1840 auf 504 im Jahre 1895. Der Bevölkerungsrückgang hörte erst um 1900 auf, als der beginnende Kalibergbau neue Arbeitsmöglichkeiten für die Richelsdorfer schuf. Nicht alle Auswanderer haben es drüben zu Wohlstand gebracht. Von vielen hat man nie wieder etwas gehört. Viele ihrer Nachkommen haben im letzten Krieg gegen die alte Heimat ihrer Väter und Großväter gekämpft oder kämpfen müssen. Aber die familiären Beziehungen werden weiter gepflegt und noch immer wandern Briefe aus Richelsdorf über den Ozean in viele Städte und Staaten Amerikas, wo die Richelsdorfer Auswanderer und ihre Nachkommen heute noch leben.

>> Revolution << in Richelsdorf

Viele Auswanderer verließen oder mußten ihre Heimat auch aus politischen Gründen verlassen. Der politischen Unfreiheit und mittelalterlichen Abhängigkeit, der Wunsch nach einem freieren und wirtschaftlich gesichertem Leben führten 1848 zu einer Revolution in Deutschland. Auch in Richelsdorf kam es zu einer Volkserhebung, als der Freiherr von Cornberg die Forderungen der Richelsdorfer ablehnte, die Frondienste und Lasten zu erleichtern und Holz und Streuzeug aus den gutsherrlichen Waldungen abzugeben. Die Einwohner von Richelsdorf rückten auf das Rittergut, demonstrierten und warfen Fensterscheiben ein. Der Baron und sein Verwalter Euler forderten in Kassel Militär zum Schutze an, das aber nicht kam. Dafür ordnete der Kurfürst eine strenge Untersuchung und Bestrafung der Haupträdelsführer an. Die meisten von ihnen flüchteten nach Amerika, die anderen kamen mit einer geringen Strafe davon. Der Bürgermeister Schade schickte einen von allen Gemeindevertretern unterschriebenen Bericht über die Gründe der Revolte nach Kassel. Darin schilderte er die Mißstände in Richelsdorf und bat um Aufhebung der Hand- und Spanndienste und der Zins- und Lehnspflicht. Sein Schreiben hatte Erfolg. Es kam zu Verhandlungen zwischen der Gemeinde und dem Cornberger Vertreter von Müldner wegen der Ablösung der Fronden, die 1852 zum Abschluß kamen. Die Gutsherren von Cornberg erklärten sich damit einverstanden, daß alle Real- und Personalverpflichtungen der Richelsdorfer gegen Zahlungen einer erheblichen Ablösesumme mit dem 1.10.1854 aufhören sollten. Damit war Richelsdorf ein freies Dorf geworden, und eine neue Zeit begann.

Richelsdorf um 1850

Zu den besten siedlungsgeographischen Quellen über die Lebensverhältnisse in den hessischen Dörfern im 19. Jahrhundert gehören die ,,Ortsbeschreibungen" um 1850. Es sind Fragebogen mit weit über 100 siedlungskundlichen und wirtschaftlichen Fragen, die an Ort und Stelle von den Bürgermeistern beantwortet wurden. In Richelsdorf tat das Bürgermeister Böttger "nach allen Kräften, bestem Wissen und vielen Mühen", wie er unter dem 5. Mai 1858 dem Kurfürstlichen Landratsamt in Rotenburg/ F versichert. Richelsdorf zählte damals 616 Einwohner, die sich "durch Fleiß, Sittlichkeit, Sparsamkeit, Reinlichkeit, Ordnung und Verträglichkeit" auszeichneten. Alle Einwohner waren ev.-reformiert bis auf die 9 Judenfamilien mit 59 Angehörigen, ,,die Handel und Handwerk betreiben und zur Synagoge Nentershausen gehören". Sie hatten noch keinen eigenen Friedhof und bestatteten ihre Toten in Sontra. Die Kirche in Richelsdorf war seit 1842 eine Pfarrkirche geworden, allerdings ohne Pfarrerwohnung, ,,wegen Armut der Gemeinde wird eine solche mietweise bewohnt". Im selben Jahre, 1842, war auch ein neues Schulhaus gebaut worden, für das sich die Gemeinde 3484 Reichsthaler Schulden auflud. In ihm wurden 139 Kinder von einem Lehrer unterrichtet. Für die sozial Schwachen und Armen ,,wird durch Verpflegung auf öffentliche kosten, durch Reihenfütterung und Verteilung gesammelter milder Gaben gesorgt. 14 Personen zu 2/3 aus der Gemeinde und zu 1/3 aus der Staatskasse unterhalten." Die 107 meist 2-stöckigen Häuser waren überwiegend aus Lehmsteinen und Fitzgerten hergestellt, ,,massiv gar nicht, etwa 1/3 mit Scheunen und Stallung unter einem Dach." Wie 100 Jahre früher sorgten 5 Brunnen im Ort für Trink- und Tränkwasser und drei Mühlen für Mehl und Schrot. Für den örtlichen Feuerschutz war bereits eine Spritze vorhanden, die im alten Spritzenhaus am Sauplatz untergebracht war.

Der größte Bauernhof besaß 140 Acker; sieben landwirtschaftliche Betriebe waren über 60 Acker groß, 10 zwischen 30-50 Acker, 15 zwischen 10 - 30 und 28 hatten weniger als 5 Acker. 30 Einwohner besaßen nur Garten und Haus, 43 hatten keinerlei Grundbesitz und wohnten zur Miete. Das Rittergut von Cornberg mit 598 Acker Land, 94 Acker Wiesen und 1219 Acker Wald war verpachtet und wurde mit 12 Pferden und 6 Ochsen bewirtschaftet.

,,Die hiesige Feldmark ist noch ziemlich streng in drei Felder eingeteilt und zwar nur in drei Felder" heißt es. Es herrschte also noch die Dreifelderwirtschaft in der Folge Winter-, Sommer- und Brachfrüchte. Dem Flurzwang mußte sich jeder fügen, zumal der Mangel an Feldwegen eine einheitliche Bestellung der Felder notwendig machte. In der 1787 Acker großen Feldmark blieben 50 Acker reine Brache liegen, die nur z. T. mit Treseneifrüchten (Rüben, Erbsen, Lein, Sommersamen usw.) bestellt werden durften. Ausgestellt waren: 460 Acker Roggen, 135 Acker Weizen, 176 Acker Gerste, 385 Acker Lein, 10 Acker Rübsamen, 60 Acker Hülsenfrüchte, 51 Acker Kraut. Die Felderträge waren noch gering. Man säte auf einen Acker 5 -
6 Metzen (1 Ztr.) und erntete bei Korn durchschnittlich 3 Malter (9 Ztr.), bei Hafer
4 Malter (12 Ztr.) und bei Kartoffel 15 Malter (45 Ztr.). Bei einem Eigenbedarf des
Dorfes von 1.520 Malter Brotfrüchten (4680 Ztr.) und 4060 Malter Kartoffeln (12189 Ztr.) einschl. des Viehfutters blieben noch 180 Malter Korn (540 Ztr.), 150 Malter Weizen (450 Ztr.) und 930 Malter Kartoffeln (2.790 Ztr.) zum Verkauf übrig. Das Korn wurde an die Richelsdorfer Hütte geliefert, die Kartoffeln gingen in die zwei Branntweinbrennereien im Ort, die sich 1805 auf die fabrikmäßige Herstellung von Branntwein aus Kartoffeln umgestellt hatten. Der Kartoffelschnaps stand in der Qualität, aber auch im Preis weit hinter dem Fruchtbranntwein zurück, was zu seiner Verbreitung und zur Unsitte des übermäßigen Branntweintrinkens beitrug. Die Haupteinnahme der Gemeinde Richelsdorf bestand deshalb aus der Branntweinsülfsteuer und den Umlagen und betrug 620 Taler.

Der Viehbestand hatte sich im letzten Jahrhundert erhöht auf 48 Pferde (1771: 36), 26 Ochsen (24), % Kühe (88), 101 Schweine, 81 Ziegen und 614 Schafe in drei Herden, "von denen 650 zum Rittergut und nur 54 hiesigen Anspännern gehören und in benachbarten Orten auf Hute untergebracht sind. " Es gab 6 Gespanne mit vier und mehr Pferden, 4 Gespanne mit 3 und 8 Gespanne mit 2 Pferden.

Der Gemeindenutzen in Form von nur 19 Acker Land, Hute, Wiesen und Pflanzland war an das Wohnhaus und Hofreite gebunden und bestand in der Benutzung eines Pflanzenbeetes und im Grasverkauf.
An Handwerkern waren vorhanden:

2 Schmiede (1771 = 1)
2 Wagner
1 Zimmermann (1)
2 Metzger (2)
1 Höcker-Krämer (3)
1 Böttcher
3 Leineweber (11)
2 Töpfer, außerdem "genug Tagelöhner")
3 Schreiner (1771 = 3)
5 Schuhmacher
2 Maurer
1 Kaufmann (Eisenwarenhändler)
1 Wirt(1)
1 Schneider (5)
1 Bäcker (1)

Als Maße und Gewichte waren in Gebrauch das Fuldaer Fruchtmaß, das hessische Flüssigkeitsmaß, das Köllnische Gewicht, das Kasseler Feldmaß und das althessische Werkmaß.

Auf die Frage, ob die Einwohner im allgemeinen wohlhabend oder arm seien, lautete die Antwort: ,,Zum größtenteil arm ". Verständlich, denn ein Ackerknecht erhielt jährlich außer Kost, Logis und Bett 16 - 24 Taler, die Magd 6 Taler dazu 32 Tuch, 1 Paar Schuhe, 1 Paar Schuhsohlen, 1 Tuch, 1 Pfund Wolle, 2 Leinenhemden und Mietgeld, zusammen 15 Taler. Alles in Geld umgerechnet kam der Knecht jährlich auf 60 Taler, die Magd auf 40 Taler. Ein Tagelöhner erhielt mit Kost täglich 5 Groschen, ohne Kost 71/2 Groschen, ein Drescher 71,2 bzw. 10 Groschen, dazu jede 11. Metze von dem Gedroschenen. Für das Getreideschneiden gab es außer der 10ten Garbe pro Tag mit Kost 5 und ohne Kost 8 Groschen.

Schließlich wird berichtet, daß Richelsdorf nur noch an einer ,sächsischen Nebenstraße' liege, 5 Stunden vom Landratsamt zu Rotenburg und 3 Stunden von der Renterei zu Sontra entfernt. Die Alte Nürnberger Handelsstraße hatte ihre Bedeutung verloren.

Eine neue Zeit beginnt

Das Jahr 1850 bringt für Richelsdorf eine Wende. Zu diesem Zeitpunkt geht die Leineweberei zu Ende, und der Kobalt- und Kupferbergbau im Richelsdorfer Gebirge wird eingestellt. Wenige Jahre später wird Richelsdorf preußisch. An einem Sommermorgen des Jahres 1866 rücken von Eisenach her preußische Soldaten mit Pickelhelmen über die Grenze an der Roterainsmühle vorbei nach Richelsdorf. Der Kurfürst von Hessen flieht nach Prag und wird abgesetzt. Die Richelsdorfer müssen den Eid auf den neuen Landesherrn, den König von Preußen, ablegen.

Mit dem Übergang Hessens an Preußen und der vorangegangenen Aufhebung der mittelalterlichen Fronwirtschaft beginnt eine neue Zeit. Die ersten Maschinen kommen ins Dorf. Die Wasserleitung wird gebaut und die Dreifelderwirtschaft aufgegeben. 1864 wird die erste hessische Eisenbahnstrecke Kassel-Bebra-Gerstungen eingeweiht. Richelsdorf hat nun ,,fast" Bahnanschluß, denn die Bahnhöfe Gerstungen und Obersuhl liegen nicht weit. viele Richelsdorfer arbeiteten damals beim Bau des Hönebacher Tunnels mit und liefen täglich zu ihrer Arbeitsstelle hin und zurück. Die Richelsdorfer Hütte bringt jetzt ihren Schwerspat auf starken 100 Ztr.-Wagen zum Bahnhof Gerstungen. Erst ab 1925 stellt sie sich auf Motorfahrzeuge um. Auch die Agrarstruktur wird verbessert. 1872 wird die Verkopplung der Gemarkung beendet. Die brachliegenden Felder verschwinden, die kleinen Ackerstücke werden zusammengelegt. An Stelle der alten Hohlwege werden feste Feldwege gebaut. Durch die neue Fruchtwechselwirtschaft und den Kunstdünger steigen die Erträge. Ms erster Dünger wird 1870 der Chilesalpeter eingeführt. Ab 1900 kommt das Kali hinzu, und dann folgen die anderen Handelsdünger. Auch die Arbeitsgeräte werden modernisiert. Der alte Holzpflug und die Holzegge werden durch eiserne ersetzt. Dadurch kann der Boden besser bearbeitet werden. Auch auf die Wahl und Zucht des Saatgutes wird mehr Wert gelegt. Die Folge all dieser Maßnahmen ist eine erhebliche Ertragssteigerung von 10 auf 15 - 20 Zentner je Acker. Das macht die Vergrößerung der Wirtschaftsgebäude notwendig. Es werden größere Scheunen, hellere Viehställe und massive Wohnhäuser gebaut . - Und schließlich erobert die Maschine das Dorf. Bis dahin war die Hand des Menschen sein bestes Werkzeug, mit dem er alles machte. Nun wird die menschliche Arbeitskraft zunehmend durch Maschinen ersetzt.

Seit 1860 wird das Stroh mit der Häckselmaschine geschnitten
1888 werden die Sichel und die Sense von der Mähmaschine abgelöst
1897 wird in Richelsdorf erstmalig mit der Sämaschine gesät
1905 brummt die erste Dreschmaschine in Richelsdorf
1913 mäht der erste Selbstbinder das Getreide in Richelsdorf
1923 kommt das elektrische Licht und der Elektromotor ins Dorf
1924 hören die Richelsdorfer zum erstenmal Rundfunk
1951 wird der erste Traktor (Bulldog) in der Landwirtschaft in Richelsdorf eingesetzt

Auch der Verkehr wurde motorisiert und modernisiert:

1898 fährt das erste Fahrrad durch Richelsdorf
1902 hupt das erste Auto in Richelsdorf
1925 schafft die Richelsdorfer Hütte das erste Lastauto an
1936 wird die moderne ,,Kupferstraße" durch Richelsdorf gebaut, die dem Dorf ein schöneres Gesicht gibt.
Die Sumpfstellen im Eisfeld verschwinden.

Die Motorisierung ermöglicht den Arbeitern das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsplatz. Mit der Entwicklung der Kali-Industrie im Werratal seit der Jahrhundertwende und dem Wiederaufbau des Kupferschieferbergbaues im Richelsdorfer Gebirge ab 1936 finden viele Richelsdorfer Arbeit und Verdienst in den Kalischächten Alexandershall und Heringen und in den Kupferschächten Schnepfenbusch und Wolfsberg. Sie wandern nun nicht mehr wie zu Beginn der Industrialisierung in die industriellen Ballungsräume an Rhein, Main und Ruhr ab, sondern werden seßhaft und bauen sich in Richelsdorf ihr Haus. An den Dorfausgängen nach Gerstungen, Süß und Blankenbach entstehen neue Wohnviertel. Das Dorf wächst und mit ihm die Bevölkerung. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges 1939 zählt Richelsdorf 789 Einwohner, fast 300 mehr als 50 Jahre vorher. Die beiden Weltkriege 1914 - 1918 und 1939 - 1945 fordern auch von Richelsdorf ihre Opfer. Im ersten Weltkrieg starben 23 Richelsdorfer den Heldentod, im 2. Weltkrieg 66. Nachdem die letzten Kriegsgefangenen nach Richelsdorf zurückkehrten, das inzwischen durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen auf über 1000 Einwohner gewachsen war, ist Richelsdorf wieder Grenzort geworden.

Die Juden in Richelsdorf

In der Lebensgeschichte von Richelsdorf muß auch der jüdischen Gemeinde gedacht werden, die bis kurz vor dem letzten Kriege in Richelsdorf bestand. An sie erinnert nur noch der Judenfriedhof an der ,,Alten Straße". Alle anderen Spuren ihres Lebens und ihrer Tätigkeit in Richelsdorf sind ausgelöscht. Es ist ungewiß, wann die Juden nach Richelsdorf kamen, sicher aber ist, daß es nie zu einer Verschmelzung mit der Richelsdorfer Bevölkerung und zu Mischehen kam. Bis zuletzt, bis zur Auflösung der jüdischen Gemeinde im Jahre 1938 führten die Richelsdorfer Juden auf Grund ihrer eigenen Zeitrechnung, Religion, Feiertage, Sprache, Schrift, Synagoge, ihres eigenen Brauchtums, kirchlichen Rituals und Friedhofs als rassische und religiöse Minderheit ein in sich geschlossenes Leben in einer für sie anders gearteten dörflichen Welt.

Wie in anderen gutsherrlichen Adelsdörfern standen die Juden in Richelsdorf, wo sie 1750 erstmals Erwähnung finden, unter dem Schutze der Patronatsherren von Cornberg, denen sie dafür ein Schutzgeld, das Judengeld zahlen mußten. Damals werden 4jüdische Familien mit 18 Angehörigen genannt, 1795 waren es 23, 1835 = 38,1855 = 59, 1895 = 41, 1901 = 57,1925 = 47, 1933 = 45, 1938 = 21. Von 1830 bis 1924 wurden in Richelsdorf 151 jüdische Kinder geboren. Bis 1914 wurde ein besonderes jüdisches Tran- und Sterberegister geführt. Eine jüdische Schule gab es in Richelsdorf nicht. Bis 1880 wurden die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Sontra beigesetzt.

Die Richelsdorfer Juden betrieben Handel und verschiedene Handwerke. Bei der Vereinzelung und dem Verkauf von Cornbergschen Grundbesitzes beteiligten sie sich auch als Grundstücksmakler.

Das Amt des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Richelsdorf verwaltete zuletzt Josef Löwenstein, der im jetzigen Haus Stockhardt neben der früheren Dorfmühle wohnte. Sein Vater Ruben Löwenstein, der 1926 im 81. Lebensjahr starb, war über 25 Jahre jüdischer Gemeindevorsteher. Er hatte den Feldzug 1870 / 71 als Feldgendarm im Stabe des preußischen Kronprinzen Friedrich mitgemacht. Auch am 1. Weltkrieg nahmen jüdische Soldaten aus Richelsdorf teil, einer davon, Alwin Meyer fiel in Frankreich.

1933 lebten in Richelsdorf folgende jüdische Familien:

Moses Falkenstein,
Moritz Löwenstein,
Adolf Sommer,
Josef Löwenstein,
Leopold Eichhorn,
Hermann Falkenstein,
Levi Falkenstein,
Haune Hannstein
Max Eichhorn
David Eichhorn
Max Eichhorn
Josef Löwenstein
Max Falkenstein
Max Hannstein
im jetzigen Hause Weber
im Hause H. Pfeifer
im Hause Kapmeyer
früher neben Haus Lingelbach
im Hause Meta Burghardt
im Hause Heinrich u. Käthe Gebhardt
im Hause Gärtner Kurt Jungk
neben Scheune Otto Wetterau
früher neben Otto Wetterau (Kohrock)
früher neben Karl Gebhardt
im Hause Eckhardt, Wagnersberg
im Hause Erich und Anna Stockhardt
bei Daniel Grau, Vor der Gasse
im Hause August Meißner, Sperlingsgasse
5 Angehörige
5 Angehörige
6 Angehörige
4 Angehörige
7 Angehörige
2 Angehörige
6 Angehörige
2 Angehörige
4 Angehörige
4 Angehörige
1 Angehörige
4 Angehörige
2 Angehörige
2 Angehörige

1938 wurde die jüdische Gemeinde in Richelsdorf aufgelöst, und die letzten 21 Juden wanderten aus, zumeist nach Amerika. Als letzter Jude verließ Max Eichhorn Richelsdorf. Die Judensynagoge in der Steinkaute zwischen Haus Gebhardt und Burghardt wurde im selben Jahr geschlossen und 1950 abgerissen. Dabei wurden hebräische Schriften, Gebetsbücher, Gebetshäubchen und andere jüdische Ritualgegenstände gefunden.

Geblieben ist nur der Judenfriedhof, der 1881 angelegt wurde und auf dem 35 Gräber liegen. Er befindet sich heute in der Betreuung und Verwaltung der politischen Gemeinde Wildeck.

Von den nach Amerika ausgewanderten Richelsdorfer Juden haben einige nach dem Kriege ihren Geburtsort wieder besucht.

Richelsdorf - das ,,Dorf an der Zonengrenze"

Seit 1945 ist die alte hessisch-thüringische Landesgrenze die Zonengrenze, die an sich die russische Besatzungszone von der amerikanischen trennen soll, im Laufe der letzten Jahre aber immer mehr zu einer Scheidewand zwischen Ost- und Westdeutschland geworden ist, zu einem ,,Eisernen Vorhang", der Deutsche von Deutschen trennt und sie immer mehr entfremdet. Die Grenzziehung hat Richelsdorf von seinem natürlichen Wirtschafts- und Arbeitsraum im Werratal und Eisenach abgeschnitten. Nur den Bergarbeitern aus Richelsdorf war es noch erlaubt, mit der Bahn von Gerstungen zu ihrer Arbeitsstelle nach Heringen-Wintershall zu fahren. Auch der kleine Grenzverkehr war bis Mitte Mai 1952 noch möglich, sdaß die vielfachen verwandtschaftlichen Beziehungen aufrechterhalten und gepflegt werden konnten, wenn auch unter Schwierigkeiten. Auch die Ländereien Richelsdorfer Bauern in der Gemarkung Untersuh / Thüringen konnten bis jetzt ungehindert und abgesehen von kleinen Schikanen bestellt werden.

Das alles änderte sich, ah im Mai 1952 die Bundesrepublik mit den Westmächten, ihren früheren Feinden, einen Vertrag abschloß, durch den die westdeutsche Republik als Partner der westdeutschen Alliierten in das europäische Verteidigungssystem eingebaut wurde. Das wurde von den Russen ah Drohung und von der ostdeutschen Volksrepublik (DDR) als Verrat an der gesamtdeutschen Sache aufgefaßt. Es kam zu scharfen Protestaktionen der sozialistischen Einheitspartei (SED) in der Ostzone und zu Absperrung der Zonengrenze.

,,Die Russen ackern die Grenze um" hieß es an einem Maiabend. Als wir am nächsten Morgen mit den Schulkindern zum Obersuhler Berg gingen, sahen wir's mit eigenen Augen: Überall längs der Grenze waren Traktoren dabei, einen 10 m breiten Grenzstreifen umzupflügen ohne Rücksicht darauf, ob der Pflug durch Getreidefelder, durch Wiesen oder Gärten ging. Bewaffnete Volkspolizisten sicherten die Aktion. Auch durch die Waldungen am Weißberg wurde der Grenzstreifen freigemacht. Holzfäller aus dem Thüringer Wald und viele hundert Einwohner aus den Werradörfern sowie Eisenbahner des völlig demontierten Bahnhofs Gerstungen (heute wieder aufgebauter Grenzbahnhof) mußten die Bäume abholzen und den Streifen einebnen. Es war ihnen selbst nicht wohl dabei zu Mute. Sie meinten, auf unserer Seite ständen bis Bebra die amerikanischen Panzer. So war es ihnen vorgemacht worden. Wir - die Schulkinder - sangen ihnen einige Frühlingslieder.

Gleichzeitig setzte der Terror in den Grenzdörfern ein. Viele Familien aus Berka, Dankmarshausen, Großensee, Untersuhl usw. wurden nach Inner-Thüringen und Mecklenburg umgesiedelt; andere wurden ausgewiesen oder flohen mit Kind und Kegel. Die Äcker in der Untersuhler Gemarkung durften nicht mehr von den Richelsdorfer Besitzern betreten werden.
Der Grenzstreifen entwickelte sich zum Todesstreifen.

Die Straße nach Untersuhl wurde unterhalb der Roterainsmühle, wo der hess.-thüringische Grenzstein steht, abgerissen und mit Stacheldraht gesperrt. Auch an anderen Stellen wurden die ersten Stacheldrahthindernisse errichtet. Jeglicher Grenzverkehr wurde lahmgelegt, sodaß die Bergleute jetzt mit dem Omnibus über Hönebach nach Wintershall befördert werden müssen.

Auch die Autobahn Frankfurt-Berlin wurde zwischen Obersuhl und Untersuhl gesperrt und der Interzonenverkehr über die Autobahn stillgelegt. Er wurde auf die schlechte Landstraße über Richelsdorf - Blinde Mühle - Nesselröden nach Herleshausen zum Grenzübergang umgeleitet. Die Zollstation und das Rasthaus am Obersuhler Berg an der Autobahn wurde geschlossen.

Die Bewohner der thüringischen Grenzdörfer sind so eingeschüchtert, daß sie sich bei zufälligen Begegnungen mit Bundesbürgern an der Grenze in keine Unterhaltung einlassen, und mit keinem Wort und keiner Geste auf einen Gruß, selbst ihrer Verwandten reagieren. Wann wird das wieder anders: ,,Speeremus!" (laßt uns hoffen).

Richelsdorf 1977 ( Jubiläumsjahr )


Dieser Bericht wurde der im Jahr 1978 herausgegebenen Festschrift
,, 700 Jahre Richelsdorf " entnommen und ist heute,2018, in
einigen Bereichen natürlich nicht mehr ganz aktuell.

Die Hoffnung hat getrogen. Richelsdorf ist auch im Jubiläumsjahr seines 700jährigen Bestehens noch Grenzort und liegt im Schatten der Grenze zur DDR. An der Situation an dieser Grenze hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, sie hat sich verschlechtert und verschlimmert. Denn der Graben zwischen Richelsdorf und seinen thüringischen Nachbarorten, zwischen den Richelsdorfern und ihren Verwandten in Untersuhl, Berka, Gerstungen usw. ist noch breiter und tiefer geworden. Der einfache Stacheldrahtzaun wurde durch einen Stahlgitterzaun und Mauern ersetzt. Durch Wiedereinführung des kleinen Grenzverkehrs aufgrund des Grundlagenvertrages zwischen der Bundesrepublik und DDR im Jahre 1972 werden die Verkehrs- und Besuchermöglichkeiten erleichtert. Allerdings sind die thüringischen Orte im Grenzraum für Besucher aus der Bundesrepublik, also auch für die Richelsdorfer immer noch gesperrt. Begegnungen und Wiedersehen sind nur außerhalb der Grenzzone in Eisenach möglich.

Unbeschadet der vielen Nachteile, die sich aus der Grenzlage für Richelsdorf und seiner Bewohner ergaben und noch ergeben, hat sich Richelsdorf in den Nachkriegsjahren zu einer modernen, lebensaktiven Gemeinde entwickelt. Schritt für Schritt und Jahr für Jahr vollzog sich der innerörtliche Ausbau, Aufbau und Strukturwandel, der schon im äußeren Erscheinungsbild erkennbar ist.

Nachdem die Verkehrsverbindungen zum Thüringer Raum, zu dem Richelsdorf wirtschaftlich, kulturell und sozial fast ausschließlich orientiert war, durch die Zonengrenze unterbrochen war, galt es zunächst, durch entsprechende Maßnahmen die verkehrsungünstige Situation zu verbessern. Zur Autobahn nach Obersuhl führte nur ein Feldweg, der zunächst provisorisch befestigt und 1968 - 1971 verkehrsmäßig zur Landesstraße 3248a ausgebaut und durch eine Straßenverbindung nach Bosserode ergänzt wurde. Zur selben Zeit wurde 1968 - 1970 die sogenannte ,,Interzonenstraße" von der Autobahn durch Richelsdorf, Unhausen und Nesselröden zum Grenzübergang Herleshausen durch Begradigung und Ausbau ,,flüssiger" gemacht, entsprechend ihrer überörtlichen Bedeutung. Schließlich wurde Richelsdorf 1974 im Rahmen des überörtlichen Straßenbaues durch eine neue Autobahnauffahrt direkt an die Autobahn angebunden und gleichzeitig unmittelbar mit Obersuhl verbunden.

Im Zuge dieser Verkehrsverbesserung erfolgte auch der Ausbau und die Verbreiterung der Innerortsstraßen und dadurch veranlaßt die notwendige Ortssanierung durch Beseitigung vieler schöner Fachwerkhäuser in der Steinkaute und Sperlingsgasse. Auch im übrigen Ortskern verschwand z.T. die abbruchreife Altbausubstanz, während die bauhistorisch wertvolleren Gebäude durch Privatinitiative renoviert und restauriert wurden. So wurde der alte Dorfkern verjüngt und verschönt. Im Norden und Südosten des Dorfes entstanden entlang der ,,Alten Straße" ins Ulfetal und am Weißberg neue Wohnsiedlungen. Zur Verbesserung der Infrastruktur wurden eine Reihe Maßnahmen durchgeführt:
Nach der Vollkanalisierung im Jahre 1962 wurde unterhalb des Ortes eine mechanische Kläranlage gebaut, die durch eine biologische erweitert werden soll. Die Müllbeseitigung erfolgt seit 1972 auf der Kreismülldeponie Kathus bei Hersfeld. 1974 wurde neben dem alten Sportplatz am Anfang einer bis zur Ortsmitte reichenden Grünzone ein Kinderspielplatz angelegt und wird 1978 der am Dorfausgang nach Süß gelegene moderne Sportplatz eingeweiht. Im selben Jahr wurde vom Obst- und Gartenbauverein Richelsdorf oberhalb des neuen Sportplatzes eine Freizeitanlage mit Spiel- und Grillplatz eingeweiht.

Der alte Sportplatz am Mühlrain mit seiner prächtigen Eichen- und Lindenanlage wurde zu einem Gemeindefestplatz gestaltet.

Bis 1700 lag der Totenhof an der Kirche. Dann wurde der Dorffriedhof auf dem Schenkrain angelegt und 1777 erweitert. Dabei wurde der bisherige Zugang vom Hause Jungk aus der Sperlingsgasse beseitigt und der heutige Eingang mit der formschönen Trockenmauer aus Kupferschlackenköpfen geschaffen. In letzter Zeit wurden erhebliche Umgestaltungen vorgenommen und 1969 eine Friedhofskapelle errichtet.

Im Rahmen der kulturellen Aufrüstung wurde 1955 auf dem Mühlenrain ein Schulneubau errichtet, nachdem die mitten im Ort gelegene 1843 erbaute alte Schule nicht mehr den Anforderungen genügte. Die erste nachweisbare um 1700 erbaute Schule stand neben der Kirche, wo heute Schröders Garten ist, wurde 1916 abgerissen und als Fachwerk-Gasthaus am Bahnhof in Hörschel/Thüringen wieder aufgebaut. Nachdem 1967 im Rahmen der Hessischen Schulreform bereits das 5. - 8. Schuljahr der Richelsdorfer Schule abgebaut und in die Blumensteinschule Obersuhl eingeschult worden war, wurde 1972 auch die Grundschule (1. - 4. Schulj.) aufgelöst und nach Obersuhl überwiesen, Mit seiner Schule und ihren Lehrern verlor die Gemeinde Richelsdorf einen wertvollen dörflichen Kulturfaktor. Das freigewordene Schulgebäude wurde entwidmet, zweckentfremdet und als Produktionsstätte vermietet. Die neben dem Schulgebäude 1964 errichtete Turn- und Mehrzweckhalle (,, Weißberghalle "), die 1973 durch einen Jugend- und Clubraum erweitert wurde, ist eine wichtige und beliebte Kommunikationsstätte und dient heute Vereinen, Verbänden, der Volkshochschule, den Turnern, Sportlern und Keglern für ihre Veranstaltungen.

Die Wirtschafts- und Sozialstruktur der Gemeinde Richelsdorf ist insofern günstig, als mehr Arbeitsplätze als Erwerbstätige vorhanden sind. So konnte den früher im thüringischen Raum Beschäftigten Richelsdorfern ohne Schwierigkeiten neue Arbeitsstellen vermittelt werden. Die Zahl der Einpendler liegt über der der Auspendler.

Wenn man an dieser Stelle Richelsdorfer Betriebe vorstellt, so nimmt die Richelsdorfer Hütte schon von der Beschäftigungszahl die erste Rangstelle ein. Dieses Unternehmen stellt insbesondere Farben und Beschichtungsstoffe für die Bauindustrie her, die nicht nur im Inland sondern auch in Übersee verarbeitet werden. Mit diesen Produkten und ihren besonderen Qualitätsmerkmalen wird damit auch der Ortsname Richelsdorf in alle Welt verschickt. Aber auch in anderen Bereichen von Handel, Handwerk und Gewerbe ist für den Ort ein befriedigender Strukturquerschnitt festzustellen. So sind vorhanden: 2 Betriebe der Metallverarbeitung; im Dienstleistungsbereich: 1 Landmaschinen- und Autoreparaturwerkstatt, 1 Schmiede, 2 Fuhrunternehmen für die Beförderung von Schüttgüter, 1 Betrieb für den Transport von Langmaterial aller Art, besonders für Langholz und 1 Bauunternehmen für Hoch- und Tiefbau. Desweiteren 2 holzverarbeitende Betriebe, 2 Schuhgeschäfte, 1 Viehhandlung und 1 Taxiunternehmen.

Es sind zum überwiegenden Teil Familienbetriebe, zum Teil schon in 3. und 4. Generation. 3 Lebensmittelgeschäfte, 2 davon mit Bäckereien, 1 Gärtnerei mit Blumen- und Kranzbinderei, 1 Metzgerei und 3 Gastwirtsehaften vervollständigen das Bild von Handel, Handwerk und Gewerbe. Die Anzahl der Arbeitsplätze in allen Unternehmen wird mit 201 angegeben. Neben ihren vorgegebenen Funktionen steilen diese Betriebe auch zahlreiche Ausbildungsplätze zur Verfügung, die einem großen Teil der Jugendlichen unseres Raumes zugute kommen.

Es darf in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt bleiben, daß diese Betriebe durch ihre grenznahen, peripheren Standorte Wettbewerbsnachteile hinnehmen und verkraften müssen, die nicht zuletzt von Existenzsorgen in Extremfällen tangiert werden. Nur durch die Mobilisierung aller Kräfte können diese Betriebe ihre Leistungsfähigkeit erhalten und damit auch ihren Beitrag zu einer leistungsstarken Infrastruktur unseres Ortes verwirklichen.

Die Landwirtschaft in Richelsdorf ( Jubiläumsausgabe 1977 )


Dieser Bericht wurde der im Jahr 1978 herausgegebenen Festschrift
,, 700 Jahre Richelsdorf " entnommen und ist heute,2018, in
einigen Bereichen natürlich nicht mehr ganz aktuell.

Die Gemarkung von Richelsdorf umfasst 783 ha, von denen ca. 290 ha Wald sind. Erst vor etwa 200 Jahren wurden die Hänge am Weißberg, an der alten Linde, in der Liede und am Saurüssel aufgeforstet, die bis dahin Ackerland waren.

Die Ackerzahl beträgt 33,4, im Durchschnitt fallen 600 mm Niederschlag.
Die vielen kleinen Täler und Höhenzüge erschweren die Bewirtschaftung erheblich. Der Boden besteht vorwiegend aus Buntsandstein und ist von Natur aus wenig fruchtbar.

Bis zur Jahrhundertwende gehörten der gesamte Wald und ca. 290 ha Land zum Rittergut. Nach der Auflösung des Gutes 1902 kaufte der Holzhändler Anton Küster aus Gladbeck/Westf. den ganzen Wald und einen Teil des Landes. Die heutige Küster'sche Forstverwaltung hat die Äcker und Wiesen an die hiesigen Bauern verpachtet. In der früheren Sommervilla der v. Cornbergs befindet sich die Försterei. Das Forstgut Küster bildet einen Eigenjagdbezirk.
Den Rest des Rittergutes kauften nach der Parzellierung Bauern und Kleinlandwirte zur Aufstockung ihrer Betriebe.

Die im Privatbesitz befindliche landwirtschaftliche Nutzfläche, ohne Ortslage u. öffentliche Einrichtungen, beträgt 385 ha., die sich laut Jagdkataster in 118 Besitzer aufteilt.

Seit Beginn des wirtschaftlichen Aufschwunges in den fünfziger Jahren haben viele Landwirte die Bewirtschaftung ihrer Höfe aufgegeben. Besonders die vielen Nebenerwerbslandwirte haben mit dem Beginn der Mechanisierung fast alle ihrer Ländereien verpachtet oder verkauft.

Die Vollmechanisierung der Haupterwerbsbetriebe gestattete eine erhebliche Flächenaufstockung, die zusanmmen mit verbesserter Düngung, Pflanzenschutz und modernen Anbaumaßnahmen bald die herkömmlichen Wirtschaftsgebäude klein werden ließen. Vier Betriebe siedelten 1962 bis 1966 in die Feldflur aus und entlasteten damit ganz wesentlich den Ortskern. Andere bauten im Zuge der Althofsanierung neue und moderne Stallungen. In Richelsdorf wird trotz der von Natur aus gegebenen ungünstigen Voraussetzungen ein moderner, leistungsfähiger Ackerbau betrieben. Richelsdorfer Bauern bewirtschaften darüber hinaus in fast allen Wildecker Ortsteilen, in Süß und in Blankenbach erhebliche Flächen.

Auch in der Viehhaltung haben sich die Betriebe spezialisiert. Moderne Haltungsmethoden, meist strohlos, haben eine wesentliche Aufstockung der Viehbestände ermöglicht.

Die seit einigen Jahren hier angesiedelte Schäferei leistet im weiten Umkreis einen bedeutenden Beitrag zum Umweltschutz und findet besonders bei den Feriengästen großen Anklang.

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