Richelsdorf

Ortsteil der Gemeinde Wildeck

Geschichtliches

Inhalt

Die 7 Mühlen in Richelsdorf

Die Tallage des Ortes, durchflossen von dem aus dem Richelsdorfer Gebirge kommenden Weihebach, begünstigte das Betreiben von Mühlen. Es gab in dem kleinen Ort sechs, vielleicht sogar sieben, mit verschiedenartigen Aufgaben. Eine oder zwei Kornmühlen, zwei Schneidemühlen, zwei Korn- und Schneidemühlen und eine Pochmühle. Da von den meisten genaue Daten fehlen, führen wir sie ihrer Bedeutung oder ihrer Lage nach auf.

Die Dorfmühle (Kinkelsmühle) war eine reine Kornmühle. Sie stand auf dem Gelände des heutigen Autohauses Linß, mitten im Dorf Der erste Betreiber hieß Johann Rudolph; er mußte noch Wasserzins an die damaligen Grundherren von Cornberg zahlen (um 1780). Sie könnte die zweitälteste Mühle in Richelsdorf gewesen sein. Später führten die Familien Stockhardt und Katzmann die Mühle, und Anfang unseres Jahrhunderts übernahm der Müllermeister Reinhold Kinkel den Betrieb. Sein Sohn Paul trat dann in den dreißiger Jahren mit in das Unternehmen ein. Als er 1939 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, führte sein Vater mit der jungen Frau Kinkel allein die Geschäfte bis Ende des Krieges. Paul kehrte nicht zurück. Da verließ seine Witwe mit ihren zwei Töchtern die Mühle und zog nach Kupfersuhl.

Von 1946 bis 1953 pachtete die Flüchtlingsfamilie Bettenhausen aus Königswald die Dorfmühle, dann übernahm sie noch einmal der alte Reinhold Kinkel, um sie an seinen Schwiegersohn Zach weiterzugeben. Dieser konnte die Mühle nicht halten, und so wurde sie im Jahr 1959 stillgelegt. Der Bau verfiel allmählich und wurde schließlich von der ,,Hessischen Heimat" gekauft und abgerissen. Ende 1960 erwarb der aus Herda stammende Karl Linß das Gelände und errichtete darauf einen Autoreparatur-Betrieb, den er in den letzten zehn Jahren erheblich erweitern konnte.

Alte Richelsdorfer und auch die Söhne des ,,Flüchtlingsmüllers" Bettenhausen erzählen noch von dem schönen alten Fachwerkbau mit vielen Schnitzereien und Inschriften.

Leider sind die alten geschnitzten Balken nach dem Abbruch auf unerklärliche Weise verschwunden. Heute ist der ganze Platz überbaut; nur an der linken Ecke steht noch das schön restaurierte ,,Judenhaus" der Familie Stockhardt.

Die Ulfteröder Schneidemühle (Schuchardtsmühle) lag am äußersten nordwestlichen Rand von Richelsdorf, da, wo heute links von der Straße nach Süß der Wegweiser ,,Pochmühle" steht. Ein Hohlweg führt an zwei Teichen vorbei auf eine große Waldlichtung zu den Wohngebäuden der Familie Heinrich von Trott, den Grundbesitzern dieses Geländes. Zwischen dem ersten und zweiten ,,Pochteich" lag
in Richtung Hang die Ulfteröder Schneidemühle. Sie trug ihren Namen nach dem kleinen Ort Ulfterode, der im Mittelalter zur Wüstung wurde.

Umgeben von großen Wäldern, reichlich mit Quellbächen versorgt, erbauten die damaligen Grundherren von Verschuer (Solz) Mitte des 18. Jahrhunderts diese Mühle. Sie versorgten vor allem die Gutshöfe der Adelsfamilien sowie die Richelsdorfer Kupferhütte mit Schnitt- und Bauholz.

Der erste Pächter und Betreiber war der Schreinermeister Johann Adam Edling. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde dann die Mühle von der Familie Schuchardt über drei Generationen bis zum Jahr 1890 betrieben.

1900 wurden Wohngebäude, Stallungen und Scheune, 1904 auch die Schreinerei und die Mühle abgerissen.

Der Name Pochmühle gehört zu einer anderen Mühle, die auf dem Gelände der Richelsdorfer Hütte, jenseits der Straße, stand. Dort wurde bis etwa 1900 ein Pochwerk betrieben, das den Kupferschiefer zerkleinerte, der um Nentershausen und Iba gefördert wurde, daher der frühere Name ,,Kupferhütte".

Die daran vorbeiführende Straße von Richelsdorf nach Süß heißt heute ,,Kupferstraße", und die beiden Teiche, die sich auf dem ehemaligen Ulfteröder Gebiet befinden, werden noch ,,Pochteiche" genannt. Der erste versorgte wahrscheinlich die Pochmühle, der zweite diente als Wasserspeicher für die Ulfteröder Schneidemühle. Schließlich gab es auf dem Hüttengelände auch eine Gastwirtschaft ,,Zum Hammer", deren Name ebenfalls auf eine Pochmühle hindeutet.

In der Richelsdorfer Chronik wird noch eine Diedingsmühle bei dem Pochwerk erwähnt. Es muß eine kleine Kornmühle gewesen sein

Etwas unterhalb der Richelsdorfer Hütte kurz vor Richelsdorf liegt die ehemalige Gerlachsmühle Sie war eine einfache Sägemühle ohne Gatter und lieferte noch etliche Jahre nach dem Krieg Kisten und Bretter. Heute sehen wir das schöne restaurierte Wohnhaus links von der Straße im Tal liegen.

Am Südrand von Richelsdorf liegt die Niedermühle (Schapermühle), ebenfalls vom Weihebach angetrieben. Anfangs war sie eine reine Kornmühle. An einem Fundamentstein kann man noch die Jahreszahl "16" erkennen, was auf eine Errichtung im 17. Jahrhundert verweist. Der erste Besitzer der Mühle hieß Adolf Wäsch, des weiteren sind die Namen Busch und Brinkmann bekannt und Otto Schaper, der die Mühle im Jahr 1894 erwarb. 1912 wurde der Kornmühle ein Sägewerk angegliedert mit Horizontalgatter, Kreis- und Langsäge. 1927 ersetzte der Müllermeister das Mühlrad durch eine Turbine, die eine regelmäßigere Leistung erbrachte, da sie auch durch einen Diesel-, später durch einen Elektromotor, betrieben werden konnte. So lief die ,,Schapermühle" als Korn und Schneidmühle. 1949 kehrte Otto Schapers Sohn Georg aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und übernahm mit 37 Jahren den väterlichen Betrieb. Er führte die Mühle noch bis 1972, nachdem er sie zwischenzeitlich (in den Jahren 1964 bis 1968) an den Besitzer der Roterains-Mühle, Karl Nehlmeyer, verpachtet hatte. Georg Schaper richtete später in der Mühle eine Pension ein und bewohnt sie selbst mit seiner Familie, ohne den Mühlenbetrieb aufrechtzuerhalten. Das Mahlwerk ist noch einsatzfähig und wird ab und zu in Gang gesetzt.

Idyllisch im Tal am Weihebach zwischen Richelsdorf und Untersuhl gelegen, sieht man schon von weitem die
stattlichen Gebäude der Roterains-Mühle.

Roterainsmühle Roterainsmühle Roterainsmühle Roterainsmühle

Sie ist vermutlich die älteste der Richelsdorfer Mühlen und als einzige noch in Betrieb. Das Wohnhaus trägt im Giebel die Jahreszahl 1617; es gibt aber noch Fundamente von älteren Gebäuden. Zuerst stand am Ostrand des Geländes ein Vorwerk, das das Herrschaftsgebiet der Cornbergcr gegen Thüringen abgrenzte. Diesem angeschlossen war eine Ziegelei, daher der Name ,,Roter Rain". Das Wasser des Weihebaches, vom Südrand des Ortes abgeleitet, wurde bald zum Antrieb eines Mühlrades genutzt, und so entstand später eine Schneidemühle mit Horizontalgatter, das die Latten schnitt, auf denen die Ziegel getrocknet wurden (Feldbrandverfahren).

Um 1800 erwarb Emil Nehlmeyer, ein Vorfahr des heutigen Besitzers Karl Nehlmeyer, die Mühle von den Herren von Cornberg (die Urkunde ist leider verlorengegangen). Sie muß schon damals die einträglichste der Richelsdorfer Mühlen gewesen sein, wie man aus der Höhe der Abgaben schließen kann, die der neue Besitzer bis zur Auflösung der Zins- und Lehnspflicht im Jahre 1854 zu zahlen hatte. Sein Einzugsgebiet war vor allem Obersuhl. 1850 wurde eine Dreschmaschine fest eingebaut und durch ein langes Drahtseil mit dem Mühlrad, das sich am hintersten Gebäude befand, verbunden. Etwa zehn Jahre später installierte Emil Nehlmeyer dann auch das erste Mahlwerk, und so war nun die Roterains-Mühle eine Schneide- und Kornmühle mit mechanischer Dreschgelegenheit.

Da der Weihebach auf seinem Weg vom Richelsdorfer Gebirge herunter bis zur südlichen Ortsgrenze noch Zuflüsse von mehreren kleinen Wasserläufen erhält (Stollenbach, Quellbach, Honiggraben), kann er bis heute das große Mühlrad treiben. Das Wasser läuft oberschlächtig über das mehr als sechs Meter hohe Rad mit einem Gefälle von 6,8o Metern. Das hölzerne Mühlrad wurde nach dem 2. Weltkrieg, währenddessen die Mühle stillstand, repariert, 1954 bis 1956 aber ganz erneuert. Es treibt die Roterains-Mühle heute noch an. Daneben steht den Nehlmeyers aber auch eine Turbine zur Verfügung, die vor allem im Winter den Strom liefert, wenn bei starker Kälte das Mühlrad dick vereist ist.

Wenn die Mühle allein ihren Betreiber auch nicht mehr ernähren kann - Karl Nehlmeyer arbeitet noch als Industriekaufmann in der Richelsdorfer Hütte und bezeichnet sich nur als ,,Hobby-Müller" - wird die Roterains-Mühle weiter bestehen bleiben, denn die nächste Generation ist vorbereitet. Trotz harter Schicksalsschläge, die diese Müllerfamilie durchstehen mußte (Großvater und Vater sind in den beiden Weltkriegen gefallen), hat sie durchgehalten. Und nun, da sich nach über 40 Jahren die wenige Meter entfernte Grenze nach Thüringen hin wieder geöffnet hat, liegt die Roterains-Mühle als einzige tätige Richelsdorfer Mühle, liebevoll erhalten und gepflegt und im Sommer immer noch klappernd, im Herzen Deutschlands.

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